Der Urlaub 2021 beginnt mit einer Erkenntnis: Schnell ist relativ. Das erkennt man spätestens, wenn man sich die Schnelllader genauer ansieht. Wenn man zuhause mit 3 oder 4 kW lädt, dann sind 50 kW schon ganz ordentlich. Wenn das Auto aber 110 kW könnte und von den 50 kW dann tatsächlich nur 35 zur Verfügung stehen, ist man enttäuscht. Und manche Autos können ja mittlerweile noch wesentlich mehr – 350 kW werden teilweise versprochen. Aber woher nehmen?

Am Gardasee, so dachte ich, sind so viele Deutsche und Österreicher, da wird es auch Schnelllader geben. Dann kommt die erste Enttäuschung: Der nächstgelegene Schnelllader, der mit meiner Karte vergünstigt ist, liegt bei Trento – also ein gutes Stück vorher. Oder bei Modena. Also in die andere Richtung. Gut, den bei Modena werde ich noch brauchen können. Aber ich brauche einen in der Nähe.

Also auch die anderen Apps durchsuchen. Und da finde ich doch glatt 2 an der Südseite des Gardasees. Nicht direkt am See natürlich. Der eine ist am Parkplatz bei einer Fast-Food-Kette und liegt für mich strategisch besser. Instinktiv nehme ich an, dass der bei der Fast-Food-Kette stabil, weil gut gewartet sein müsste. Im Norden gibt es auch zwei Schnelllader. Aber dann müssen wir uns wieder herunter stauen. Also wird der im Süden eingeplant.

Wir fahren also – nachdem wir zwei Tage zwischen Lazise und Bardolino verbracht haben – mit der Fähre auf die andere Seite. Einfach, weil unserer Großen das vermutlich gut gefällt und es kürzer ist. Nachdem wir dem Garten des André Heller einen Besuch abgestattet hatten (kann ich sehr empfehlen!), geht es an der Südseite des Gardasees entlang zum Schnelllader. Zeitlich ideal, die Kleine hat Hunger und braucht ihren Brei.

Der Schnelllader ist gleich auf dem ersten Parkplatz. Zwei Parkplätze sind reserviert, man kann ja schließlich mit CCS, CHAdeMO und Typ 2 laden. Zur Erinnerung: CCS (Combined-Charging-System) ist der europäische Standard für Gleichstrom-Schnellladen, CHAdeMO der japanische (hauptsächlich noch bei Nissan und Mitsubishi zu finden). Typ 2 wird für die wesentlich langsamere Wechselstromladung verwendet (Standard in Europa) – hier muss nämlich der Wechselstrom vom Auto in Gleichstrom umgewandelt werden. Wir wollen natürlich schnell laden und da unser Auto ein modernes, europäisches ist, versuchen wir den CCS.

Beim Versuchen bleibt es dann auch. Beim Starten des Ladevorganges wird im Display der Ladesäule ein Error angezeigt. Mit einer Fehlernummer natürlich, Klartext könnte ja jeder lesen. Nach mehreren Versuchen steht dann plötzlich auch in meiner App, dass die Ladestation defekt ist.

Leichte Panik steigt in mir hoch. Auch meine Freundin bemerkt meine Nervosität. Und wenn ich in technischen Dingen nervös werde, dann weiß sie, was das heißt. Alarmstufe Rot. Ich überlege kurz, was wir machen sollen. Beim Ladestellenbetreiber anrufen? Die haben aber keine deutsche Website, da wird wohl niemand mein Deutsch verstehen. Und Italienisch kann ich nicht. Und überhaupt, was soll es bringen? Was sind die Alternativen mit knapp 60 km Restreichweite?

Ich tippe auf meinem Smartphone herum, am liebsten würde ich es auf den Boden knallen. Jetzt habe ich extra so geplant, bin an einer Ladestation vorbeigefahren, weil die in einem Industriegebiet in der Pampa gelegen wäre, und nun stehe ich hier. Und die App zickt auch noch herum. Wie immer, wenn man etwas verzweifelt sucht.

Durchatmen. Es hilft nichts. Soll ich kurz mit Wechselstrom laden und dann die nächste Station anfahren? Nein. Aus Prinzip nicht. Zehn Minuten würden nichts bringen und länger will ich nicht stehen bleiben. Vor allem steht das Auto so jetzt in der prallen Sonne. Das macht keinen Spaß. Ich probiere nochmals in der App zu suchen. Meine Freundin ist inzwischen damit beschäftigt, die Kinder zu beruhigen, was schwierig ist, wenn man selbst nervös ist.

Ich entscheide mich die nächstgelegene Ladestelle anzufahren. 31 km laut Navi. Wird schon gehen. Auf die Autobahn, vorsichtig beschleunigen. 28 km bei 51 km Restreichweite. Wenn das weiter so sinkt, dann bleiben wir liegen. Ich erinnere mich an einen Youtuber, der bei 0 km Restreichweite noch immer knapp 50 km gekommen ist. Im Schneckentempo allerdings. Keine schöne Vorstellung. Die Ausfahrt nähert sich, bei konstanten 100 km/h sinkt die Restreichweite dann langsamer. Nun haben wir noch 30 km Restreichweite und 1,9 km vor uns. Das geht. Jetzt muss nur noch… Ich verdränge den Gedanken. Schließlich haben wir keine Alternative.

Der Schnelllader befindet sich in einem kleinen Örtchen auf einem Parkplatz für ca. 30 Autos. Zwei Parkplätze sind reserviert für den Schnelllader. Sie sind frei. Stehen bleiben. Anstecken. App starten. App mag nicht. App beenden. App neu starten. Diesmal findet er die Ladestelle. CCS auswählen, Ladevorgang starten. Diagnose wird gestartet. So weit waren wir vorhin schon. Noch während der Text „Diagnose läuft“ in der App steht, höre ich schon das mittlerweile vertraute Geräusch des Lüfters der Ladestation anlaufen. Ich atme auf. Es lädt.

Der Platz erweist sich auch als Glücksgriff. Direkt neben dem Parkplatz ist eine Parkanlage mit großen Bäumen und Bänken. Hier treffen sich offenbar die Einheimischen zum Tratschen. Und während die Kinder im Schatten jausnen, überlegen wir uns das Abendessen. Direkt neben der Ladesäule ist eine Osteria. Wären wir eine Stunde später dran, hätten wir vermutlich hier gegessen. Noch war sie aber nicht geöffnet, also sind wir nach knapp 40 Minuten wieder Richtung unserer Unterkunft gefahren. Und haben unterwegs zum Abendessen gehalten.

Insgesamt hat uns das Abenteuer ca. 15 km Umweg beschert. Nicht schlimm, hätte aber nicht sein müssen. Das muss sich noch ändern, will die Elektromobilität sich endgültig durchsetzen. Vor allem, weil sich mir als Techniker noch immer nicht die Hintergründe für diese Probleme erschließen.

Für die restliche Zeit am Gardasee haben wir jedenfalls genug Energie im Akku. Übermorgen geht es weiter Richtung Toskana. Am Weg liegt eine Ladestation des Schnellladenetzbetreibers, der zu meiner Karte gehört. Mal schauen, was uns dort erwartet…

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  • Datum: 29 Juli, 2022